Rudolf Rischer – Von Bühnen und Bildern


Neue Zeichnungen
zur Ausstellung in der Galerie C.A. Contemporary 2018

 

Was ist hinter der Mauer und der Tür? Wer ist auf der Treppe, und was geschieht im Zimmer?

Gebäude schweben, Perspektiven kippen, Treppen führen nach oben und unten, ins Leere. Brücken verbinden Unverbindbares. Die räumliche Gliederung durch markante Elemente wie Säulen, Galerien, Raumteiler, Stege und dominante, schräge Deckenkonstruktionen wird unterstützt durch expressive Beleuchtungseffekte – ob Lampen, der Mond oder unbekannte Lichtquellen.

Mauern, Oberflächen, und Kanten sind akribisch ausgearbeitet und betonen die Geometrie der Räume. Die Szenerien wirken mehrdeutig, diese geordneten Traum-Labyrinthe sind Wandlungen ausgesetzt, immer wieder teilen sie sich in helle und dunkle Flächen, werden zu Dreiecken oder anderen geometrischen Formen oder Schraffuren.

Die Formen tanzen vor uns in einem indeterminierten abstrakten Raum, hier schweben gegenübergestellte Realitäten. Die Konstruktionen von Rudolf Rischer sind ruhelose Aufenthaltsorte, wo auch die Leere eine existenziell dynamische Bewegung hat.

Um diese Bilder zu verstehen muss man sich hineinlehnen, in sie eintreten, um zu ergründen, was hinter der Oberfläche des Papiers lauert. Die Räume und Szenen in Rischers Bildern können ausdruckslos oder ergreifend sein, nüchtern und streng, sogar bedrohlich.

Die Räume sind dynamisches Zusammenspiel immer neu interpretierter elementarer Formen: Dreieck, Kreis, Rechteck, Linie - von der Abstraktion in die Konkretion überführt.

Aus den abstrakten Projektionen entstehen klar gegliederte, dramatische Räume, oft mit mehreren Ebenen verbunden.

Linien geben aber hier mitunter ihre Funktion der Ordnung auf und führen uns in die Irre, ins Nichts der imaginären Räume. Rischers Konstruktionen transzendieren die Geometrie, gehen über sie hinaus, sie sind eher Manifestationen von sensorischen und mentalen Zuständen als konkrete Kompositionen aus Technik und Form.

In diesem spannungsgeladenes Verhältnis von Abwesenheit und Anwesenheit kombiniert, verändert, entfernt, verdichtet und reduziert Rischer so entschlossen wie ein abstrakter Künstler, es gibt immer ein Wechselspiel zwischen dem Realen und dem Imaginären in seinen Arbeiten.

Die Ausdrucksstärke der Interieurs ist nicht nur Resultat theatraler Einflüsse, die Dramaturgie der Räume nicht auf ihre ästhetischen, affektiven, psychologischen oder semiotischen Dimensionen beschränkt. Sie haben eine quasi operative Funktion, sie sind keine passiven Schauplätze – das Szenenbild wird selbst zum Akteur.

Es ist kein statischer sondern ein dynamischer, performativer Raum, mit dem entweder die Figuren oder die Betrachter interagieren. Es entfalten sich latente Situationen, Dramen die existieren könnten.

Rischer geht konstruktivistisch vor, sein Verständnis für die operative Dimension räumlicher Anordnungen prägt die Ästhetik. Neuartige Perspektiven, souveräne Beherrschung der Lichtwirkung und der Farbeinsatz unterstützen die suggestive Wirkung, die auf Vorstellungskraft und dem Spiel mit Volumen beruht.

Die Zeit wird aufgehalten in dieser Bühne, es ist die Inszenierung für einen Akt, der gerade daran ist zu beginnen oder zu enden.

Die traumartigen Szenen und nicht definierten Gestalten erschaffen auf Basis von Licht, Schatten und Hintergründen eine beunruhigende Welt.

Die auf ihre essentiellen Formen reduzierte Bildarchitektur wird manchmal begleitet von einigen erkennbaren Figuren, dennoch wird in dem Raum keine Geschichte konstruiert, es gibt keine Erzählung, sondern Form. Auch die Figuren scheinen dort zu sein, um als reine Formen angesehen zu werden. Sie regen die Fantasie an, beim nächsten Betrachten kann alles wieder ganz anders sein. Je länger, je öfter man die Bilder betrachtet, desto mehr Widersprüche über diese verschobene Scheinwelt geben sie preis.

Sie führen mitunter zu Irritation, Störung und Verunsicherung, aber mit Sicherheit zu einer anderen, einer neuen Sicht.

Rischer selbst bleibt bei seiner Darstellung des Unbekannten konsequent und benennt seine Werke stets: "Ohne Titel".

 

What is behind the wall or behind the door? Who is on the stairs, and what is happening in the room?

Buildings float in the air, perspectives are tilted, stairs lead up and down and into the void, bridges connect the unconnectable. The spatial organisation by distinctive elements like columns, galleries, partition walls, footbridges and dominating diagonal ceilings is enhanced be expressive lighting - by lamps, the moon or unknown light sources.

Walls, surfaces and edges are crafted meticulously, emphasizing the geometry of the spaces. The sceneries seem ambiguous, these organized dream labyrinths are subject to transformations, time and again they divide into bright and dark surfaces, they become triangles or other geometric shapes or shadings.

Shapes are floating in an indeterminate abstract space, as opposing realities. Rudolf Rischer’s constructions are restless abodes where even emptiness is in a peculiar existential motion.

In order to understand these pictures, the viewer has to lean into them, to enter them with his imagination, in order to find out what is lurking behind the paper surface. Spaces and scenes in Rischer‘s images can be expressionless or touching, some are sober, severe, ominous, even alarming.

The abstract projections generate clearly divided, dramatic spaces that are often connected to several other levels.

However, at times lines give up their organizing function, misleading us into the void of imaginary spaces. Rischer’s constructions go beyond geometry, transcending it as a kind of manifestions of sensory and mental states, instead of functioning just as compositions based on technique and shape.

In this tense relation between absence and presence, Rischer combines, transforms, removes, condenses and reduces as decidedly as an abstract artist, in a permanent interaction between the real and the imaginary in his work.

The expressivity of the interiors is not merely a result of theatrical influences, the dramaturgy of the rooms is not limited to aesthetic, affective, psychological or semiotic dimensions. They virtually have an operational function, they are not just passive sceneries, the stage itself becomes an actor.

Rischer draws not a statical but a dynamic, performative space that interacts with the characters, or the viewer, or both. Latent situations unfold as potentially existing dramas.

Rischer’s apprach is constructivist, his comprehension of the operational dimension of spatial arrangements shapes his esthetic decisions. Innovative perspectives, superior mastery of lighting effects and the use of colours support the suggestive effect based on imagination and the manipulation of volume.

Time is suspended on this stage, it is ready for a play about to begin or to end. By light, shadow and backgrounds, the dreamlike scenes and their undefined characters constitute an unsettling world of their own.

The pictorial architecture is reduced to essential forms, in some instances it is accompanied by some distuingishable figures, although no story is told in this space, there is no narrative, only form. The characters also seem to be in order to there to be regarded as pure shapes. They stimulate the imagination but at the next view everything can be different again. The longer and the more often one looks at these pictures, the more contradictions they will reveal about their distorted world.

Viewer beware : They may lead to irritation, uncertainty and disturbance, but definitely to a new point of view.

Rischer himself remains consistent with his exploration of the unknown, giving all his pictures the title "Untitled".

 

 

Rudolf Rischer – Seelenräume


Farbstiftzeichnungen
Aus einem Artikel von Michael Brunner
zur Ausstellung in der Galerie Martin Suppan 2017

Rischer visualisierte gekonnt durch Manipulation von Raum und Licht, durch hell und dunkel, immer wieder das theatrale Wechselspiel von Abwesenheit und Präsenz, von Hier-Sein und Dort-Sein und damit die inneren und äußeren Dramen des Lebens. Raum und Licht, das waren auch schon immer Grundformen des Bildes. Der Raum als Metapher für das Sein und das Licht für das Erkennen. Logisch, dass Rischers szenographisches Repertoire auch in seinen feinen, fast malerischen Zeichnungen seine metaphysische Wirkung entfaltet. Die meist fünfseitige Begrenzung des Theaterraumes, der Würfel der Handlung mit einer Öffnung für den Blick, wird in den Bildern zur Metapher des Bewusstseins. Sowie auf der Bühne Durchlässe und Treppen nach hinten, oben und unten führen an die Orte, die vor den Blicken des Betrachters geschützt sind, wo die Zahnräder der Inszenierung wirken, führen auch in seiner Zeichnung Durchgänge vom Ort der Präsenz zu dem, was dahinter liegt. Die Welt ist nicht linear und einheitlich.

Doch wohin führen all die anderen Wege? Was gibt es noch jenseits unserer Blicke? Überzeugend setzt der Künstler ausdrucksstarke Schatten und Spiegelungen ein, deutet Öffnungen, Schwellen, Verließe und Fassaden an. Sowohl für die Bühne als auch auf dem Zeichenblatt setzt er damit eine Erzählung ins Werk, ein Mobilisieren der Ahnung und der Phantasie, die den Betrachter durch die Ungewissheit der eröffneten Möglichkeiten, über das Fragen zu sich selbst, in sein Inneres führen. Katharsis, Seelenreinigung, nicht durch die Bühne, sondern auf dem Zeichenblatt. Präzise und ohne Umschweife erzeugt der Künstler dabei außerordentliche Atmosphären.